
Wir haben jetzt eine Waschmaschine. Das war eine prima Investition, denn es kommt mindestens jeden zweiten Tag eine volle Maschine zum Einsatz.
Einen Trockner haben wir nicht. Und deswegen verbringen wir seit einiger Zeit unsere Abende sehr oft im Waschsalon. Emma warm und geborgen im Glückskäfer, verschläft sie dieses Erlebnis jedes Mal. Dafür ist ihre Mami - und das bin ich - umso faszinierter von dieser Atmosphäre. Mit einem warmen Kakao für 50 Cent aus dem Waschsalonautomaten schaue ich mir die vollen Maschinen an, wie sie die Hülle vieler verschiedener Menschen schleudern. Hinter jedem Bullauge steckt eine Geschichte. Ein Mensch, der keine Waschmaschine und keinen Trockner besitzt. Oder dessen Gerät kaputt ist. Ich sehe, welche Farben dieser Mensch trägt und manhcmal erhasche ich sogar einen genaueren Blick auf die Kleidung. Sporthose oder Blazer? Ein Paarungstanz beider? Ich bilde mir ein, den Menschen kennen zu lernen.
Ein einsamer Mann, der auf der Suche nach der wahren großen Liebe ist, aber viel zu schüchtern und zu eigenartig, um jemanden kennen zu lernen.
Ein Tätowierer, die Maschine voll mit Röhrenjeans und Arbeiterhemden aus Amerika mit Namen auf der linken Brust, die nicht seine sind. Tagsüber im Studio kreativ, nachts die urigen Bars und Kneipen der Stadt unsicher machen. Hie und da mal ein Sinnieren an der Theke.
Ein Pärchen. Liebevoll umgarnt sich ihre Wäsche im Schleudergang. Ein trauriges Kämpfen von Hemden und Blusen um die längst verloren gegangene Liebe ihrer Träger.
Nebendran die bunte und frische Wäsche einer jungen, leidenschaftlichen Liaison zweier liebeshungriger Anfangzwanziger.
Ich könnte den ganzen Tag in diesem Raum verbringen und die verschiedenen Menschen beobachten, deren Schicksale ich nach den Runden im Trockner nur zu gut kenne.
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